Archiv für den Monat November 2020

Disziplin und Motivation

Disziplin und Motivation machen das Unmögliche möglich.

Immer wieder hört und liest man von Motivation, Disziplin, Mindset usw. Gerade als SchriftstellerIn muss man sich ständig selbst antreiben, sowohl die nötige Motivation und auch die Disziplin aufbringen, um voran zu kommen.

Man muss sich motivieren und mit Disziplin schafft man alles. Hä? Alles wird man nie schaffen, das muss man auch nicht. Aber es stimmt, beides ist hilfreich, wenn man ein Ziel erreichen möchte. Ohne die grundlegende Motivation, etwas Bestimmtes tun zu wollen, wird man schwerlich die Disziplin aufbringen, das dann auch zu machen. Wenn die Ideen einmal nicht so sprudeln, wird es noch schwieriger.

Es gibt verschiedene Wege, die zum gewünschten Ergebnis führen. Weil ich kein allwissender Guru auf diesem Gebiet bin, beschränke ich mich auf meine Erfahrungen und werde etwas darüber erzählen, wie ich das mit der Motivation und Disziplin sehe und mache.

Das Ziel schafft die Motivation

Ich will ein Buch schreiben. Toll. Macht aber echt viel Arbeit. Es hört ja nicht damit auf, es geschrieben zu haben, da hängt noch mehr dran. Uff, die Motivation sinkt gerade gegen den Nullpunkt. Am besten ist es, gar nicht erst an diesen Punkt zu gelangen. Das große Ziel ist, das Manuskript zu schreiben. Es ist immer noch eine große Aufgabe und je nach Genre mit mehr oder weniger viel Zusatzarbeit, wie z. B. Recherchen, verbunden. Ganz gleich, in welchem Genre man schreibt, irgendetwas muss man immer nachschlagen, das bleibt kaum aus. Sich dabei Hilfe zu holen, kann schon eine sehr große Erleichterung sein und einen gut vorwärtsbringen. Dann sollte man sich überlegen, warum man schreibt und für wen. Das hängt auch davon ab, ob man an einen Verlag gebunden ist und/oder eine Serie schreibt oder ob man das schreibt, was man möchte und es erst später einem Verlag anbietet bzw. im Selfpublishing herausbringt. Beides verlangt trotzdem eine gewisse Disziplin, denn ohne kommt man keinen Meter – Hobby hin oder her, denn auch der Hobbysportler muss trainieren, sonst kann er gleich damit aufhören.

Zurück zu den Autoren. Die Recherche ist abgeschlossen, je nachdem ob man plottet oder nicht, steht die Rahmenhandlung fest, man kann loslegen.

Alles ist so weit fertig, die Motivation ist in einem Hoch und man legt gleich einmal tüchtig los. Die erste Woche geht klasse, vielleicht auch noch die zweite. Dann wird es etwas weniger, weil vielleicht die Müdigkeit da ist oder es schlichtweg an der Zeit fehlt. Die Geschichte gerät etwas ins Hintertreffen, obwohl man ja möchte.

Mist.

Die Motivation wäre da, aber es fehlt an der Schwester, der Disziplin.

Während eines Schreibflows, den man oft am Anfang einer Geschichte verspürt, kann es passieren, dass man etwas übers Ziel hinausschießt und seine Energien verpulvert. Es bringt nichts, bis zum Umfallen vor dem Bildschirm zu sitzen und wie irre zu tippen. Die Ideen gehen nicht weg, nur weil man zu einer bestimmten Zeit ins Bett geht oder nach einem gesetzten Teilziel.

Jetzt komme ich wirklich zur Disziplin und biete ein paar Punkte, die mir geholfen haben, eine Routine zu etablieren.

1. Setze dir Teilziele

Es bringt nichts, immer nur das große Ziel im Auge zu haben, das ist noch weit weg. Kleine Ziele verschaffen einen besseren Überblick, sie lassen sich einfacher in den Tagesablauf integrieren und durch das Erreichen der Kleinziele setzt das neuronale Belohnungszentrum des Gehirns Glückshormone frei – man freut sich darüber und darf sich jetzt auch noch zusätzlich belohnen (falls man das braucht).

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, täglich 1500 Wörter zu schreiben. Das klappt. Meistens wird es mehr, selten weniger. Wenn ich weniger schreibe, bin ich aber nicht enttäuscht von mir, dann habe ich den Schlaf wahrscheinlich gebraucht.

2. Mache es regelmäßig

Das Wörterziel muss nicht täglich sein. Wenn man durch die reguläre Arbeit schon sehr eingebunden ist oder familiär sehr viel um die Ohren hat, geht es oft nicht jeden Tag. Dann kann man sich zwei Abende oder auch einen Tag in der Woche nehmen und den fürs Schreiben einplanen. Ob das nun morgens oder abends ist, hängt vom jeweiligen Geschmack ab, muss aber dann regelmäßig erfolgen.

Durch die Regelmäßigkeit gewinnt man nach einer gewissen Zeit eine Routine, die zur Gewohnheit wird, dann fällt es mit der Disziplin etwas leichter.

3. Vergiss nicht auf Pausen

Pausen sind wichtig. Einerseits, um dem Körper Erholung von der Bildschirmarbeit zu gewähren andererseits braucht auch die Fantasie etwas Durchlüftung. Mir geht es so, dass die besten Ideen während einer Pause entstehen. Es geht aber auch um den Körper. Die Augen, die Wirbelsäule, die kleinen Gelenke in den Händen – alles braucht Pausen. Ich lege ca. jede Stunde eine Pause ein, das kann jeder halten, wie er möchte, aber um den Körper zu entlasten, empfiehlt es sich, spätestens nach zwei Stunden eine Weile vom Bildschirm wegzugehen.

Danach wieder an die Arbeit gehen und weitermachen. Keine Angst, es geht so gut weiter, wie es angefangen hat. Aber man muss sich erst daran gewöhnen.

4. Belohne dich

Darüber habe ich schon etwas im 1. Punkt geschrieben. Bei einer regulären Arbeit besteht die Belohnung im Gehalt/Lohn, der regelmäßig aufs Konto eintrudelt, manchmal gibt es auch einen Bonus oder Trinkgelder. Dazwischen neigt der Mensch dazu, sich für alles Mögliche zu belohnen. Es gibt ein gutes Gefühl, Glückshormone werden ausgeschüttet.

Warum also sollte man sich für eine durchgehaltene Schreibperiode nicht belohnen? Gerade am Anfang ist es wichtig, zwischendurch etwas nachzuhelfen und das Belohnungszentrum des Gehirns etwas anzustacheln. Ich bin mittlerweile so weit, dass das fertige Manuskript die Belohnung ist und jedes beendete Kapitel oder die geschaffte Schreibsession.

Bestrafe dich aber niemals, falls du einmal das gesetzte Teilziel nicht erreicht hast. So etwas zieht einen nur runter und führt am Ende zu Frust. Wenn es einmal nicht klappt, weil etwas dazwischengekommen ist oder man einfach nur müde gewesen ist oder krank, dann ist es eben so – schreib dir eine Krankmeldung oder einen Urlaubsschein für diesen Tag. Das mag vielleicht lächerlich klingen, aber es kann helfen, das schlechte Gewissen einzudämmen.

5. vermeide Perfektionismus

Wenn man immer denkt, alles müsse perfekt sein und man müsse alles perfekt können, um etwas Bestimmtes zu tun, dann kommt man niemals einen Schritt weiter.

Perfektionismus ist ein Hemmschuh, er ist der Grund allen Übels der sogenannten Schreibblockaden. Niemand bringt ein perfektes Manuskript zustande. Die Qualität muss nicht immer gleichgleichen. Mal macht man mehr Fehler, dann wieder weniger. Das ist doch völlig egal. Beim Romanschreiben geht es in erster Linie einmal ums Schreiben. Die Überarbeitung ist wieder eine andere Sache. Aber auch hier sind Disziplin und Konsequenz gefragt.

6. Hilfe!

Man weiß nicht weiter, hat keine Idee, hängt bei einer Szene, muss nachrecherchieren und weiß nicht wie oder wo und was überhaupt. Panik kommt auf. Zu viel andere Arbeit, die auf einen lastet und irgendwie bewältigt werden muss. Panik!

Die Lösung ist ganz einfach! Es gibt immer Menschen, die einem helfen. Reden hilft – und auch delegieren. Es ist keine Schande, jemanden um Hilfe zu bitten, wenn Not am Mann ist. Irgendjemand findet sich immer, mit dem man reden kann. Manchmal tun sich völlig neue Einsichten auf, wenn man mit jemand Unbeteiligtem spricht, jemand, der den geplanten Roman nicht kennt.

Schlecht ist es, den Kopf in den Sand zu stecken oder sich mit unnötigen Nachrecherchen zuzudecken und damit wieder von der Schreibroutine wegzubringen.

Manchmal ist es auch gut, wenn man bereits im Entstehungsprozess einen Testleser hat, der schaut, ob der Text auf Linie bleibt und in sich logisch ist.

Es gibt bestimmt noch mehr Punkte, die ich aufzählen könnte, aber ich finde, es reicht.

Ganz zum Schluss habe ich noch ein Video für euch, in dem ich das alles zusammengefasst habe.

Intergalaktisches Zwischenspiel

Teil 1
Die Idee und die Galaxie

Eigentlich wäre ja der kleine finnische Bär auf einer Reise mit euch in eine Welt voll Fantasy. Leider ist mir eine Idee dazwischengekommen, die mich so lange genervt hat, bis ich mich ihrer voll und ganz angenommen habe.

Zwischenstand, ich bin nach 4 Wochen schreiben beinahe am Ende angekommen und knüpfe bereits die ersten und unwichtigeren losen Fäden zusammen. Meine Alphaleserin ist noch immer begeistert und ich freue mich wie die Schneekönigin (dabei weiß ich gar nicht, wie sich die Schneekönigin freut, egal).

Im Folgenden erzähle ich euch etwas über den Werdegang dieser Geschichte.

Wie der Titel des Beitrags schon andeutet, wird es ein Science-Fiction-Roman. Die Idee dazu kam spontan, als ich meine alten Kurzgeschichten durchforstet hatte. Wupp, da war ein Name, schwupp, da eine Welt, dann ein Sternensystem und die grobe Rahmenhandlung. Ein Fingerschnippen und fertig. Das mag sich seltsam anhören, aber genauso war es. Dazu habe ich ein dickeres Notizbuch beinahe voll geschrieben. Ich liebe handschriftliche Notizen.

Ich stelle euch jetzt die Welten vor, die Galaxie und ihre Planeten, auf die wichtigsten gehe ich etwas genauer ein:

Ein Sektor ist ein größeres Gebiet mit mehreren Sonnensystemen, das System ist das jeweilige Sonnensystem mit den Planeten.

Bild von Reimund Bertrams auf Pixabay
  • Sektor Oronat Ke’Lem:
    • System Kebanis:
      • Uhuru:
        • 3 Monde: Kes (lila), Kela (orange), Oka (weiß)
        • Hauptstadt: Creson Stadt
        • Topografie: ein großer, bewohnbarer Kontinent mit einem mächtigen Gebirgszug im Süden, viele Gletscher; weiter nördlich ist es eher hügelig bis flach mit weniger rauem Klima. Ein großer Ozean, der fast vollständig von Eis bedeckt ist
        • Klima: In den nördlichen Regionen kalte Winter und milde Sommer, sonst arktisch
        • Bodenschätze und Wirtschaft: extensive Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, wenig Tourismus; Bodenschätze: südl. große Eisregion: Neribium, Cath, Melenium; Festland: Brenngas und Unudin (wird für den Antrieb sybanischer Raumschiffe benötigt), Brennsteine, Edelsteine und Kristalle; der Ozean ist sehr fischreich.
        • Lebensformen: Menschen und Urwaldbewohner, die sich selbst Uhuru nennen.
        • interstellarer Handel: nur wenig Güter werden importiert, der Planet versucht, autark zu bleiben, besitzt aber Kolonien auf Dimtros und VinaXym.
          Die Handelsgilde Titum Van, die ihren Sitz auf Edenium Prime hat, hat ein ständiges Handelsverbot auf Uhuru.
        • Zeitrechnung: 1 Jahr dauert 550 Tage und hat 11 Monate (gerechnet wird der Umlauf des Mondes Kela), 1 Woche dauert 9 Tage, abwechselnd hat ein Monat 5 Wochen, dann 6 Wochen.
          Das Jahr 0 bezeichnet die Ankunft der Menschen auf Uhuru, seitdem sind 1897 Jahre vergangen.
        • Sauerstoffstickstoffatmosphäre
        • strenges Kastensystem, Herrscherin ist immer die Matriarchin, die von der Ethiker- und Salamanderkommission ernannt wird. Beide gehören zu den obersten und wichtigsten Kasten. Daneben gibt es noch: Wissenschaft, Handwerk und Handel, Bauern und die Rechtlosen (Verbrecher und Umweltsünder)
        • strenge Geburtenkontrolle aufgrund des begrenzten Platzangebots auf dem Planeten.
      • Kibaneas (unbewohnbar) un unmittelbarer Nachbarschaft zur Sonne Kebanis, kein Mond.
      • Dimtros (bewohnt) Kolonie von Uhuru: Raumschiffswerft, wird allerdings nur noch für Reparaturen verwendet.
        • 1 Mond, fast so groß wie der Planet, aber uninteressant Dimtros II
        • Bodenschätze: Melenium, Cath (das Erz wird zu Cathatyn verarbeitet, eine sehr umweltschädliche Prozedur und für die Arbeiter nicht gerade gesund)
        • Hauptstadt: Benoca
        • Sauerstoffstickstoffatmosphäre, stark verunreinigt mit Staub und giftigen Gasen
      • Monychin – unbewohnt
    • System Tynar (roter Zwerg)
      • VinaXym
        • Völker: Kolonisten in Kuppelsiedlung von Uhuru und wenige Einheimische Xym
        • 4 Monde
        • 1 großer Ozean mit hellrosa Farbe, sehr salzhaltig, reich an Algen und verschiedenen für Menschen giftigen Salzen.
        • Landfläche: teils kleine Inseln und eine größere, die bewohnt ist. Wenige Süßwasserreserven; Xym haben sich auf alkalireiches Wasser spezialisiert.
        • Atmosphäre: Methanolkohlendioxidgemisch
      • Ixilium Prime:
        • kleiner Planet, Kolonie von Gläubigen und Predigern der Sternenweisen; Prediger fliegen durch die Galaxis und verkünden ihren Glauben vom Frieden und der Weisheit der Sterne.
      • Nepornebel im tiefen Raum mit zahlreichen Asteroiden
  • Mydenem Cluster/Müdion Sektor
    • System Bani
      • Sabastia/Syban:
        • Hauptwelt der Sabastianer bzw. Syban; humanoide, teils Lungen-, teils im Wasser lebende Kiemenatmer.
        • Atmosphäre: Sauerstoffstickstoffgemisch
        • Topografie: fast vollständig von Wasser bedeckt mit zahlreichen bewohnten Inseln
        • Klima: Hitzegürtel am Äquator, wenig Eis an den Polen, wenig Bodenschätze
        • 3 Monde: Ydan, Yridin und Ylan, auf allen werden Bodenschätze abgebaut.
        • Zeitrechnung: aktuelles Jahr 3085; wird nicht in Monate eingeteilt, sondern in Tage. 1 Jahr hat 380 Tage; z. B. 10. Tag im Jahr 3085.
        • Hauptstadt wird immer wieder von einer Insel zur nächsten verlegt oder zu den Kolonien.
        • striktes demokratisches System, das sie der gesamten Galaxie aufdrücken wollen.
      • Axema II: Werftwelt von Syban
      • Gawanna: größte Militärbasis des Clusters
  • Betana Sektor
    • System Nolan
      • Edenium Prime: Stadtplanet, Sitz der Handelsgilde Titum Van, Hochtechnologie, Verbündet mit Syban. 3 Monde einer wird von einer Werft für Handelsschiffe der Handelsgilde beherrscht.
      • Raxim: Bergbauplanet, diverse Bodenschätze
      • Jodinmay: unbewohnt, zu nah an der Sonne
      • Qinin: von zahlreichen Ringen umgeben, besteht zu über 90 % aus Wasser; Kiemenatmer, die Bergbau, Algen- und Fischzucht betreiben – auch für den Export.
      • Der Rest sind Gasriesen und Zwerge

Die Reise bis zum fertigen Buch geht noch eine Weile. Im Moment sind meine Alphatestleserinnen damit beschäftigt. Sobald ich mit dem Rohmanuskript fertig bin, werde ich es überarbeiten, dann geht es an die Testleser. Das wird wieder spannend und aufregend für mich. Anschließend arbeite ich alle Anmerkungen in das Buch ein, also eine weitere Überarbeitungsrunde und schließlich geht’s ans Lektorat.

In den folgenden Beiträgen werde ich euch noch etwas über die Wesen erzählen und die verschiedenen Kulturen, die sich nicht ganz vertragen. Und natürlich, was noch alles so ansteht, bis am Ende das fertige Buch in den Buchhandlungen steht. Es ist noch sehr viel zu tun und ihr werdet es hier miterleben. Freut euch auf einige spannende Details bis zur Veröffentlichung.

Bild von Lumina Obscura auf Pixabay

Diese Kurzgeschichte

hat es leider nicht ins Finale eines Wettbewerbs geschafft. Trotzdem finde ich sie gut und ich präsentiere sie euch auf diesem Weg.

Es ging um Grenzen. Was sind Grenzen, in wie weit lassen wir persönliche Grenzüberschreitungen zu und was macht Covid19 mit diesen? Ich habe mich ein wenig damit beschäftigt und daraus ist folgende Geschichte entstanden.

Photo by Matthias Zomer on Pexels.com

Die Grenze des anderen

„Die erste Grenze überschreitet man bei der Geburt. Haben Sie das gewusst, Schwester?“ Der alte Herr liegt noch im Bett, die Augen wach auf die Pflegerin gerichtet, die eben die Tageskleidung des Mannes zurechtlegt. „Aha“, antwortet sie einsilbig und uninteressiert.

„Heute Nacht konnte ich nicht schlafen, da habe ich darüber nachgedacht“, redet er weiter, ohne die Hektik der Altenbetreuerin zu bemerken. Sie richtet sich ihre Atemschutzmaske und unterdrückt ein genervtes, müdes Seufzen. „Ich bring Sie jetzt ins Bad, Herr Czerny“, meint sie gleichgültig, auf sein Gerede will sie nicht eingehen. „Moment noch“, bittet der Mann, spricht aber gleich weiter: “Schwester, hören Sie doch nur einen Augenblick zu. Ich habe über diese Grenzen nachgedacht, Grenzen, die wir unser ganzes Leben lang überschreiten, manchmal müssen wir es, dann wieder wollen wir es und manchmal …“

„Herr Czerny, ich hab wirklich keine Zeit dafür“, unterbricht sie ihn nun etwas forscher. Ohne weitere Vorwarnung zieht sie ihm die Bettdecke weg und löst anschließend das Bettgitter, um ihn aufsetzen zu können. Sie ist müde, hat keine Lust mehr. Nur noch die Gedanken an den Mittag, wenn sie endlich nachhause kann und dann erst einmal das Homeschooling ihrer beiden Kinder beaufsichtigen muss, halten sie aufrecht. Den elften Tag in Folge ist sie im Dienst, weil ein paar ihrer Kollegen in Quarantäne sind. Langsam hat sie die Nase voll von COVID-19 und dem Geklatsche am Abend, den dummen Aufrufen im Fernsehen und der blöden Atemschutzmaske, die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Diese Überlastung macht sie reizbar, was leider schon die Bewohner zu spüren bekommen. Stets ist sie freundlich gewesen und vor allem an den Leuten interessiert. Wie es Herrn Czerny geht, kümmert sie seit drei Tagen nicht mehr, denn sie ist von ihrem Alltag so erschöpft, dass sie im Stehen schlafen könnte. Für die Heimleitung ist es wichtig, dass sie funktioniert, ebenso für ihre Eltern und ihre Kinder.

Wenn er nur nicht so redselig wäre, dann säße er jetzt schon im Bad, überlegt sie, dabei setzt sie ihn auf und dreht ihn zur Seite, damit seine Beine aus dem Bett hängen. Natürlich hat er nicht mitgeholfen, denkt sie gereizt. Er hat es versucht, doch sie war zu schnell für seine gemächlicheren Bewegungen. Beide denken schon lange nicht mehr darüber nach, wie es dem anderen geht, denn sie sind mit ihren eigenen Sorgen belastet, eine von ihnen leidet unter den geänderten Arbeitsanforderungen, der andere unter Einsamkeit und Langeweile. „Herr Czerny, jetzt müssen Sie aber mithelfen, damit Sie sicher in den Rollstuhl kommen.“ Nun ist es an dem alten Herrn, tief zu seufzen. „Ich helfe ja mit, Schwester. Wann kommt eigentlich meine Tochter wieder zu Besuch? Ich hab sie seit einigen Wochen nicht mehr gesehen. Geht das Corona noch immer weiter?“

„Ja und ich weiß nicht, wann sie kommen darf. So, jetzt.“ Sie schiebt seine Hände unsanft von ihrem Gesäß. „Ihre Hände gehören nicht auf meinen Hintern, sondern auf meine Schultern. Herr Czerny, Sie wissen genau, dass ich das nicht leiden kann!“ Er räuspert sich, denn er hat es nicht absichtlich getan. „Tut mir leid, Schwester, das wollte ich wirklich nicht.“

„Wer’s glaubt, Herr Czerny. So auf drei … Drei.“ Sie ächzt und stöhnt, dreht sich mit der Last des alten Herrn zur Seite und dann plumpst er mitsamt voller Nachteinlage auf den Rollstuhl. „Oh Scheiße, ich hab die verdammte Windel vergessen! Herr Czerny, alles retour“, flucht sie ungehalten. Sie könnte sich in den Hintern beißen, weil das alles Zeit kostet, die sie nicht hat, und Herrn Czerny auf den Mond schicken, dem gleich einige andere Bewohner und die gesamte Pflegeleitung folgen können. Mit einem weiteren Ächzen und in vielen Stunden geübten Handgriffen, hievt die Altenpflegerin den alten Herrn zurück ins Bett. Der sagt, sobald sie die Nachtschutzeinlage öffnet: „Schwester, Sie wissen aber schon, dass ich es auch nicht mag, wenn man mich an gewissen Stellen ungefragt anfasst. Schön ist das nicht.“ Seine Stimme ist sehr ruhig und sanft, so dass sie ihn einen Moment völlig verblüfft anschaut. Daran hat sie schon lange nicht mehr gedacht. Die Jahre ihrer Tätigkeit und Corona haben sie einfach alles vergessen lassen. Die ganze Überlastung macht sich nicht nur in ihrem Handeln bemerkbar. Auf sie warten zwei Kinder zuhause, die ständig etwas brauchen und ihr das Gefühl geben, zu wenig zu sein, zu wenig Spielgefährtin, zu wenig Lehrerin und vor allem zu wenig Mutter. Wer dauernd müde ist und zu viel Sorgen hat, den interessieren andere bald gar nicht mehr. Entschieden blinzelt sie die Verlegenheit weg, dafür ist jetzt keine Zeit. Es warten noch andere Heimbewohner auf sie. Mit geübten Handgriffen, und weil jetzt auch Herr Cerny schweigt, öffnet sie die Hose und schon bald liegt er halb nackt im Bett. „Mist, ich hab die Waschschüssel im Bad gelassen“, murmelt sie und eilt davon. „Warten Sie!“, ruft er ihr nach, doch da ist sie bereits weg. Ein kurzes Klopfen an der Tür verkündet das Frühstück. Ohne abzuwarten, ob es gerade passt, stürmt die maskierte Stationshelferin ins Zimmer und stellt das Frühstückstablett auf dem kleinen Tisch ab. Die Peinlichkeit der Situation bemerkt sie nicht einmal. Ruckzuck schließt sich die Tür wieder und dann kommt auch das rote und schwitzende Gesicht der Altenpflegerin zurück in sein Blickfeld. „Das war nicht nett von Ihnen.“ Sein Versuch, sie auf ihr Versäumnis, ihn zu bedecken, aufmerksam zu machen, schlägt fehl. „Ich muss mich beeilen, Herr Czerny, es warten noch mindestens zehn Leute auf mich und heute will ich endlich mal pünktlich nachhause kommen.“ Auch ihr Wunsch, sich zu erklären, läuft ins Leere. „Aber das ist doch wichtig und hat mit dem zu tun, was ich Ihnen vorhin sagen wollte. Grenzen …“

„Herr Czerny, ich bin gleich fertig, dann setze ich Sie heraus und Sie können sich im Bad weiter waschen.“

„Aber die Grenzen, Schwester. Sie übertreten meine Grenzen und ich kann mich nicht wehren.“

„Herr Czerny, so leid es mir tut, aber … Verstehen Sie, es ist einfach zu viel für uns alle. Machen wir bitte weiter.“ Ihre Griffe sind so geübt, dass sie nicht länger darüber nachdenkt. Einmal nach links, dann die frische Einlage unter sein Gesäß geschoben, dann nach rechts und alles zugemacht, anschließend die Hose darüber und dabei jammert Herr Czerny weiter über ihre Grenzüberschreitungen. Sie würde ihm gern mehr Zeit widmen, doch die ist Mangelware, wie Klopapier und Nudeln, ein kostbares Gut für Leute in systemrelevanten Berufen. Dazu quält sie auch das schlechte Gewissen, weil sie ihren eigenen Anforderungen, die sie an diesen Beruf stellt, nicht mehr gerecht werden kann. Am liebsten würde sie sich in eine dunkle Ecke verkriechen und heulen. Weil das nicht geht, muss sie weiter machen, ihr bleibt keine andere Wahl.

„Wenn Sie mir nur einen Moment zuhören würden“, flüstert er, doch seine Worte gehen in ihrer Geschäftigkeit unter, mit der sie das schlechte Gewissen überdecken möchte. „Nochmals aufsetzen, Herr Czerny, dann geht’s ins Bad.“ Die Pflegerin ist so schnell, dass er keine Zeit hat, etwas zu entgegnen, da hat sie ihn bereits gepackt, er sitzt nun quer im Bett und klagt über Schwindel, was sie wiederum ignoriert. Keine Minute später landet er unsanft im Rollstuhl und wird ins Bad geschoben. „Schwester, wirklich, das mit den Grenzen, das ist wichtig. Hören Sie mir bitte zu, nur eine Minute.“ Leises Seufzen antwortet ihm, dann hilft sie ihm aus dem T-Shirt, das er nachts immer trägt, und stellt ihn vor dem tiefer gestellten Waschbecken ab. „Die Zähne hab ich schon geputzt, ich mache nur noch den Kleber drauf.“

„Kein Kleber, Schwester, ich mag den nicht, davon wird mir schlecht.“ Das berücksichtigt sie und legt die Zahnprothese zurück in die Schale. Anschließend lässt sie den Mann allein, um ins Schlafzimmer zu eilen. „Zu viel zu tun, keine Zeit und keine Hilfe in Sicht“, murmelt sie und unterdrückt gerade so einen Fluch. Damit es Herr Czerny leichter hat, öffnet sie die Verpackungen von Butter und Marmelade und schneidet die Semmel auf, denn mit dem Buttermesser, das die Heimbewohner bekommen, ist das nur schwer zu bewerkstelligen. Das merkt sie selbst immer wieder. Rasch rückt sie den Mundnasenschutz zurecht, hebt ihn etwas an und atmet tief durch. Danach kippt sie das Fenster, denn ganz öffnen geht aus verschiedenen Gründen nicht. Während sie das alles macht, stellt sie einen Plan für den Nachmittag auf. Erstens einkaufen, mal etwas Frisches, dann mit den Kindern kochen, gemeinsam essen, Homeschooling. Hoffentlich hat die Lehrerin nicht wieder so scheiß Arbeitsblätter geschickt, bei denen nicht mal ich mich auskenne. Ob ich sie mir besser hier schon ausdrucken soll? Sonst muss ich wieder den Nachbarn fragen, den Ungustl. Ich glaube, nach dem Czerny geh ich schnell ins Büro. In ihre Überlegungen platzt die Stimme ihres Schutzbefohlenen. „Ich bin fertig, Schwester!“ In diesem Moment geht er ihr unendlich auf die Nerven. „Ja, Herr Czerny!“, ruft sie zurück und läuft zu ihm. „Haben Sie über Grenzen nachgedacht?“, fragt er so klug daher, dass sie ihn am liebsten angeschnauzt hätte. „Nein, Herr Czerny, ich habe keine Zeit für so etwas. Wissen Sie ich habe zuhause zwei schulpflichtige Kinder, die müssen …“

„Oh, das tut mir leid. Trotzdem sollten Sie darüber nachdenken und vor allen Dingen eine Pause machen.“

„Das würde ich, wenn ich Zeit dafür hätte. Ihr T-Shirt, Herr Czerny, das Frühstück steht auch schon am Tisch.“ Einer Wahl entmächtigt, schiebt ihn die Pflegerin ein Stück zurück, damit sie ihm in die Kleidung helfen kann. „Können Sie mich heute rasieren?“ Der Blick, den er ihr zuwirft, könnte Eis schmelzen lassen, aber er ist an seine Pflegerin verschwendet. Leise seufzt sie, dieses Mal hörbar und irgendwie tut es ihr auch sofort leid. „Macht nichts, dann morgen. Oder Sie geben mir den elektrischen Rasierer. Legen Sie ihn einfach auf den Tisch, neben das Frühstückstablett. Ich versuche mich selbst daran.“ Nun hat sie ein noch schlechteres Gewissen, nein, nicht eines, sie ist das schlechte Gewissen schlechthin, denn zuhause sitzen die Kinder, hier warten die Bewohner auf ihre Hilfe und auch auf Zuwendung. Am Abend kommt die Farce jedes Mal: Es klatschen die doofen Nachbarn und die Fernsehsprecher, für die sie nur noch Verachtung übrighat. Wie wäre es mit einer gerechten Bezahlung? Wie war das mit den Grenzen? Diese letzte Frage, die sie sich stellt, als sie ihm das T-Shirt über den Kopf zieht, erschreckt sie. Verletzt sie bereits Grenzen, hat er recht damit? Sie weiß es nicht und will es nicht so genau wissen. Im Moment hat sie andere Probleme. Die meisten haben erst angefangen, als das große C zu einer gefährlichen Pandemie geworden ist und ihre kleine, halbwegs heile Welt auf den Kopf gestellt hat. „Die erste Grenze überschreiten wir bei der Geburt, die zweite dann mit drei oder vier Jahren, wenn wir uns von den Eltern das erste Mal abnabeln. Wir wollen mehr Freiheiten und testen sie aus.“ Wieder redet Herr Czerny dahin, als würde sie das alles interessieren. Sie lässt ihn jetzt im Bad stehen und säubert das Waschbecken, dabei hört sie ihm mit halbem Ohr zu. „Ich habe auch Staatsgrenzen überschritten, das erste Mal, war ich noch ein Kleinkind. Meine Mutter hat viel darüber geredet.“

„Ich weiß, steht in Ihrer Patientenakte“, murmelt sie. Zu viele eigene Gedanken quälen sie, als dass sie näher auf die alten Geschichten von Herrn Czerny eingehen könnte oder wollte. „Das muss furchtbar gewesen sein. Unsere Familie hat seit Generationen in dem Dorf gelebt und sogar unter Hitler gab es keine Feindschaften. Hat Mutti immer gesagt, was dran ist, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht hat sie später auch alles etwas verklärt und schöngeredet. Egal. Sie musste alles zurücklassen, nur ein paar Habseligkeiten, die in einen Rucksack gepasst haben und mich als Kleinkind, hat sie mitgenommen. Mein Vater ist ja im Krieg gefallen. Erst gingen wir nach Deutschland und dann zu Verwandten nach Österreich. Auch das waren Grenzüberschreitungen von allen Beteiligten. Ich kann niemanden verurteilen, glaube ich. Na ja, ich war noch ein Kleinkind und kann mich nicht mehr an die Zeit erinnern. Auf jeden Fall sind es Grenzen. Wir überschreiten sie täglich. Ich hab die ganze Nacht darüber nachgedacht, wissen Sie.“

„Ja, Herr Czerny. Ich bin hier fertig.“ Mit diesen Worten packt sie den Rollstuhl und fährt ihn zu seinem Frühstück. „Wann können wir wieder alle zusammen essen? Es ist langweilig ohne Frau Beck und Herrn Schmied. Komischerweise fehlt mir auch das Gebrabbel von Frau Liebstein, die alte Schrapnelle.“ Leise kichert er, denn die geht ihm manchmal sehr auf die Nerven. Selbst das würde er in Kauf nehmen, wenn er dafür nicht mehr allein sein müsste. „Ich kann es Ihnen nicht sagen, Herr Czerny. Aber ich denke, die Krise wird bald vorbei sein. Wir halten uns ja alle an die Regeln.“ Ratlos schaut er sie an. „Welche Regeln?“, fragt er.

„Mundnasenschutz, Hände desinfizieren, Abstand und keine Besuche.“ Sie hält kurz inne und schaut ihren Patienten nachdenklich an. „Solange Sie hier drinnen bleiben, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich richte noch schnell das Bett, dann muss ich weiter.“ Plötzlich hat sie das Gefühl, mit allem zu spät zu sein, dabei ist sie fast genau in dem eng gesteckten Zeitplan. Rasch bezieht sie sein Bett neu. „Wissen Sie, die Grenzen. Ich habe die meiner Mutter oft überschritten. Sie war eine sehr strenge Frau und später hab ich ständig Neues ausprobiert. Ich war sogar auf dem Matterhorn und auf dem Großglockner. Wussten Sie, dass ich früher einmal, also in meiner Jugend, Bergführer gewesen bin?“

„Ja, Herr Czerny, das steht auch in ihrer Akte.“

„Ich habe sogar irgendwo ein Foto von Manfred Messner, dem Bergsteiger. Sie werden den nicht mehr kennen. Und eines von Luis Trenker hab ich auch, sogar mit Autogramm“, verkündet er stolz. Diese Auszeichnungen der Vergangenheit interessieren heute niemanden mehr. Seine Grenzüberschreitungen zählen in der hektischen Gegenwart nichts. Sie existieren in seiner Erinnerung und auf den paar wenigen vergilbten schwarzweiß Fotos, die damals gemacht worden sind, als es noch keine Selfies gegeben hat. Es scheint ihm alles so ewig lange her. Die gute alte Zeit.

Nun ist das Bett frisch bezogen und die Pflegerin räumt die Schmutzwäsche in den dafür vorgesehenen Behälter, auch die Mülleimer leert sie noch aus.

„Ich möchte nachher noch meine Tochter anrufen, wenn es geht.“

„Natürlich, Herr Czerny, aber erstmal lassen Sie sich das Frühstück schmecken. Ich bin sicher, dass Sie bald wieder mit den anderen im Speisesaal sitzen können. Das wollen wir schließlich alle.“

„Danke, Schwester. Und denken Sie wirklich einmal über Grenzen nach und welche Sie tagtäglich überschreiten oder wo jemand Ihre überschreitet. Sie sind eine resolute junge Frau, die sich zu wehren weiß, aber ich bin sicher, dass Sie gerade in der Situation über ihre Grenzen hinauswachsen, auch wenn es keiner sieht. Sind Sie sehr böse, wenn ich heute Abend nicht klatsche? Um 18 Uhr rufen sie im Fernsehen immer dazu auf. Ich weiß aber nicht, warum ich klatschen soll.“

„Geld wäre mir auch lieber, Herr Czerny. Sobald ich Zeit habe, denke ich darüber nach.“ Kurz und hektisch lacht sie, dann packt sie den Wagen und verlässt das Zimmer. Geräuschvoll schließt sich die Tür hinter ihr. Zurück bleibt Herr Czerny, der an diesem Tag nur noch viermal jemanden zu Gesicht bekommt. Über Grenzen wird er dann nicht mehr reden.