Zum Tag der Liebe

(c) Ysardsson

Zum Tag der Liebenden schenke ich euch etwas, das man bei mir wenig vermuten mag – Liebesgeschichten. Sie sind bereits etwas älteren Datums und ich habe bestimmte Lieder als Vorbild genommen.

Die erste Kurzgeschichte ist Dank Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ entstanden, die zweite hat Walther von der Vogelweides „Under den Linden“ zum Vorbild. Viel Spaß beim Lesen.

Bis zum Ende

„Komm und tanz mit mir“, sagte er schüchtern lächelnd. Sie wussten beide, dass sie nicht tanzen konnten. Es ging nur um die Berührung, die Musik, die sie beide liebten und den Augenblick. Was die anderen, die guten Tänzer, über sie dachten, war ihnen egal. Auffordernd bot er ihr die Hand. Nach leichtem Zögern griff sie zu und folgte ihm auf die Tanzfläche. Einige Paare schwebten bereits gekonnt über das Parkett. Ihre Schrittfolgen und Figuren passten sich hervorragend dem Rhythmus an und erzeugten Neid bei den Zuschauern.

Lillibeth und Julian bewegten sich steifbeinig zwischen diesen elfengleichen Tänzern und blickten sich dabei tief in die Augen. Sie hörten nur die Musik und spürten sie durch die Fußsohlen in sich eindringen. Schon bald wurden ihre Bewegungen geschmeidiger und sie vergaßen alles rund um sich.

Die Musik spielte von Liebe und Liebe stand in ihren Augen, Verlangen sprang aus ihren Berührungen und Sinnlichkeit versprach ihr Mund.

Sie tanzten und hielten sich dabei sanft umschlungen, wobei sie immer enger aneinanderrückten, bis sich ihre Körper berührten und von Sehnsucht sprachen, die sie nicht in Worte fassen konnten, weil das Wort dafür zu schwach war. Weiter tanzten sie, drehten sich im Kreis, tranken sich mit den Augen und versanken im Blick des Anderen. Sie waren eine Bewegung, ein Muster, das auf ein Ende hoffte, das irgendwann kommen würde – unausweichlich, wie alles ein Ende findet.

Doch dies war erst der Beginn. Der Anfang eines Moments des Fühlens, des Begehrens, einer Leidenschaft, die sie nicht wirklich verstanden.

Oftmals mussten ihnen die guten Tänzer ausweichen, weil sie nicht darauf achteten und ineinander versunken in ihrem eigenen Traum schwebten.

Er beugte seinen Kopf und legte die Lippen an ihren Hals, ganz sanft, fast nicht spürbar und doch so intensiv, als würde er sie hier vor allen Menschen heftig küssen. Wohlige Schauer rannen über ihren Rücken und sie richtete sich gerade auf, neigten den Kopf etwas zur Seite und bot ihm den Hals. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen und sie schloss die Augen, gab sich ganz dem Tempo der Musik hin und seinem Atem an ihrem Hals, der Wärme seiner Lippen und der Liebkosung seiner Hände, die bewegungslos auf ihren Hüften lagen und sie hielten, wenn sie strauchelte.

Als der Tanz zu Ende war, wurden sie von allen angestarrt, denn sie bewegten sich in ihrem eigenen Rhythmus weiter. Vollführten ihren Tanz des Werbens und des Verlangens.

Lillibeth erwachte als erste aus dem Traum, öffnete die Augen und errötete leicht. Auch Julian kam wieder in die Gegenwart zurück, nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf den Handrücken und murmelte: „Vielen Dank für diesen Tanz.“

Der Rausch der Sinnlichkeit erlosch, die Violinen schwiegen und sie waren wieder sie selbst, das alternde Ehepaar, das sich für einige Minuten wiedergefunden hatte.

Sie waren noch ein Paar.

(c) Ysardsson

Es ist heilig!

Unbändig schlug mein Herz im wilden Takt. So sehr hoffte ich, sie würde erscheinen und konnte es dennoch nicht ertragen, sie zu sehen, denn ich wusste, unsere gemeinsame Zeit neigte sich ihrem Ende entgegen.

Der Wald im Hintergrund rauschte sanft im leichten Sommerwind. Ich hörte die Bienen summen und das Lied einer Amsel. Lerchen stießen im Sturzflug auf ein Feld und erhoben sich kunstvoll erneut in die Luft. Sie tanzten den Tanz der Liebenden, während ich auf meine Geliebte wartete.

Da sah ich sie und das Blut sang in meinen Ohren. Freudestrahlend lief sie auf mich zu. Mit einem Lächeln begrüßten wir uns, bevor wir uns am Fuß der mächtigen Linde niederließen und sie von ihrem Tag berichtete. Die Vögel verbargen mit ihrem Lied unser Gespräch und Grillen zirpten im Gras.

Ich sog ihren Anblick in mich auf. Dieses feine, liebliche Gesicht, die strahlend grünen Augen, der sinnliche rote Mund. Alles sang ihren Namen, ihren köstlichen Duft. Ihre Weiblichkeit, noch züchtig verhüllt, zeichnete sich unter dem Stoff ihres Kleides ab. Sanft strich ich ihr die Haube vom Kopf und liebkoste ihr Haar, während sie leise lachte. Sie mochte es, wenn ich das tat. O dieser Wohlgeruch, den meine Blume verströmte. Genau hier wollte ich sie haben und sie kam zu mir. Noch immer konnte ich es kaum glauben und strich ihr sanft über den Kopf, das Gesicht und den Hals, nur um mich ihrer Gegenwart zu versichern.

Mit einem Mal wandte sie sich mir zu, nahm mein Gesicht in die Hände und begann mich zu küssen. O, ihr Mund, ließ mich in sie fließen und gleichzeitig darin ertrinken. Wir sprachen nicht mehr, ließen alle Belanglosigkeiten fallen wie unsere Kleidung. Ergaben uns unserem Begehren, hier unter dieser weitausladenden Linde, wo unsere Liebesstatt war. Das Gras kitzelte uns und ließ uns lachen, während wir fröhlich, wie Kinder eine neue Welt entdeckten, mit unseren Händen auf Reisen gingen.

Sie schenkte sich mir. Nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Vertrauen überließ sie meiner Führung. Bald schon hörte ich ihr wildes Verlangen. Sie ließ mich in sie tauchen, sie trinken. Ihre Blüte mit meinem Stab berühren. Wie süß sie aussah, als sie mich empfing. Ich fühlte nur noch. Hörte sie meinen Namen rufen, während wir immer heftiger wurden und uns im Takt der Lust bewegten.

Alles zerfloss zu einem Bild und das hatte ihr Gesicht. Ihr roter Mund, der mich so willig empfangen hatte, zierte ein Lächeln, so schön wie die Morgensonne. Ich bin der reichste Mann auf Erden, auch wenn ich nur ein armer Sänger bin, dachte ich in dem Moment und küsste meine Geliebte.

Die Blumen ringsum deckten unsere Tat, betörten uns mit ihrem Duft und ließen das Verlangen erneut in uns keimen. So liebten wir uns und es war heilig, ganz gleich was die Kirchenmänner dazu sagen. Es ist heilig!

(c) Ysardsson

2 Kommentare zu „Zum Tag der Liebe

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