Archiv für den Monat Juni 2021

Rhetorische Stilmittel 3

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Im letzten Teil habe ich mich mit der Verknappung beschäftigt, in diesem Teil vermehre ich die Anzahl der Wörter. Gerade in diesem Bereich ist es wichtig, sich etwas auszukennen, um nicht langweilig, fantasielos oder als stilistisch unsicher zu erscheinen. Sehr schnell gerät man bei der Wortvermehrung in Gefahr, in einen schlechten, oberflächlichen Schreibstil zu verfallen.

Wortvermehrungen können Bedeutungen hervorheben, ein Geschehen eindringlicher machen, eine Situation bedrohlicher. Dabei muss nicht zwingend ein Wort wiederholt werden, genauso gehen Wörter mit verschiedener Bedeutung.

Ich stelle euch folgende Stilmittel vor, die alle gewisse Ähnlichkeiten aufweisen.

  • Akkumulation
  • Redundanz
  • Geminatio
  • Pleonasmus
  • Tautologie
  • Hendiadyoin

Akkumulation

Bei diesem Stilmittel häufen sich mehrere Wörter, die einen Bezug zu einem, oft nicht näher benannten, Oberbegriff bilden. Dadurch entsteht eine starke Bildhaftigkeit in der Sprache. Wenn der Oberbegriff nicht aus der Häufig hervorgeht, können manche Wörter überflüssig erscheinen und die gewünschte Bildhaftigkeit kommt nicht zustande.

Akkumulation findet man in allen möglichen Textsorten. Besonders häufig fand sie in der barocken Lyrik Anwendung. Aber auch in Liedern, Firmenreden, der Werbung und Bewerbungen findet man sie häufig.

Beispiele:

  • „Führungskräfte, Mitarbeiter, Auszubildende und Praktikanten, sie alle tragen …“ – hier zeigt die Häufung die Wichtigkeit aller Menschen, die für ein Unternehmen arbeiten.
  • „Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städte und Felder“ (Paul Gerhardt)
  • „Ist was, das nicht durch Krieg, Schwert, Flamm und Spieß zerstört?“ (Andreas Gryphius)
  • „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ (Kinderlied)
  • „Quadratisch, praktisch, gut“ (aus der Werbung)
  • „Ich bringe Motivation, Begeisterungsfähigkeit und Zuverlässigkeit mit.“ (aus einer Bewerbung)
  • „Sie blickte über Dächer, Bäume, Straßen, Menschen.“ (eigenes Beispiel)

Redundanz

redundant bedeutet überreichlich, überzählig, überflüssig. Hier wird eine unnötige Ergänzung einer Information getätigt. Richtig angewendet kann sie zu einer Verstärkung der Aussage führen.

Beispiele:

  • „Sie tobte und schäumte vor Wut.“
  • „Wie ich bereits schon gesagt habe.“
  • „Die Ermittler werden umgehend und sofort an die Arbeit gehen.“
  • „Die Wiese grünte und blühte.“

Manchmal entstehen Redundanzen aufgrund einer fehlenden Kenntnis von Wörtern, besonders Fremdwörter, siehe auch Pleonasmus.

  • „Sein optisches Erscheinungsbild war einfach atemberaubend.“ – optisch ist hier sprachlich unnötig, weil bereits das Erscheinungsbild vorgibt, dass er zu sehen ist. Besser ist hier: „Sein Erscheinungsbild …“ oder „seine optische Erscheinung …“
  • „Die neue Führung hat einige innovative Neuerungen in ihr Programm aufgenommen.“
  • „Regine reagierte angemessen und adäquat auf Leons Vorschlag, die Rolle der bösen Ermittlerin zu übernehmen. Ein feines Lächeln zierte ihre schwungvollen Lippen, als sie sich im Verhörraum auf den Stuhl setzte und den Verdächtigen anschaute. Ihre eloquente Wortgewandtheit verschaffte ihr hier einen klaren Vorteil.“

Geminatio

Geminatio ist eine Figur der Wortwiederholung. Das Gesagte wird durch eine Verdopplung eines Wortes oder einer Wortgruppe verstärkt.

Wie viele Stilmittel, wird auch dieses häufig in der Werbung eingesetzt.

  • Du meine Güte, du meine Güte! Warum hast du das bloß getan?“
  • Stopp! Stopp! Haltet den Dieb!“
  • „O Gott! O Gott! Wie konnte das passieren?

Hier haben wir neben der Verdoppelung noch einen Ausruf als Stilmittel.

  • Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor …“
  • Frau Mayer, Frau Mayer, ich bin zutiefst enttäuscht von Ihnen!“
  • „Ich soll mit Ihnen zusammenarbeiten? Hören sie, niemals, niemals werde ich das! Darauf können Sie Gift nehmen!“
  • Leise, leise. Niemand soll uns hören.“

Pleonasmus

Diese Figur liegt vor, wenn in einer Wortgruppe, einem Satz, ein bestimmter Inhalt mehrfach und auf unterschiedliche Art zum Ausdruck gebracht wird. Er kann genauso gut als Stilfehler gewertet werden. Diese Stilfehler kommen dann zum Ausdruck, wenn Fremdwörter nicht ganz richtig eingesetzt werden. Als Stilmittel wird auch hier die Aussage verschärft.

Beispiele:

  • dringender Notfall
  • vorprogrammieren
  • weißer Schimmel
  • schwarzer Rappe

Es gibt allerdings auch feststehende Pleonasmen im Deutschen:

  • aufoktroyieren
  • Düsenjet
  • Pulsschlag
  • La-Ola-Welle
  • klammheimlich
  • Rückantwort
  • auseinanderklaffen
  • vorprogrammieren
  • persönliche Anwesenheit
  • jüdische Synagoge
  • stillschweigend
  • schlussendlich
  • Gratis-Geschenk
  • auseinanderdividieren
  • Chiffrenummer
  • Zukunftsprognose

Davon gibt es noch einige mehr, die ich allerdings nicht mehr aufzähle. Diese zusammengesetzten Wörter bzw. Wortgruppen haben eines gemeinsam: sie bilden sich aus Wörtern mit gleicher Bedeutung.

Redundante Akronyme finden oft Verwendung (= Abkürzungen mit einer Wortverdoppelung, die nicht abgekürzt wird)

  • ISBN-Nummer – ISBN = Internationale Standardbuchnummer bzw. engl. International Standard Book Number
  • PDF-Format – PDF = Portable Document Format
  • HIV-Virus = Humanes Immundefizit Virus

Stilistisch auffällig sind folgende Wortgruppen bzw. zusammengesetzte Wörter:

  • tote Leiche
  • zusammenaddieren
  • Mitbeteiligung
  • offizielle Amtssprache
  • Einzelindividuum

Tautologie

Dieses Stilmittel beschreibt einen Umstand, der mit einem anderen Ausdruck wiederholt wird oder, dass der gleiche Sachverhalt mit gleichen Wörtern der gleichen Wortart wiederholt wird.

Die Tautologie ist demzufolge eine Doppelaussage. Eine Abgrenzung zu Pleonasmus und Hendiadyoin ist schwer.

Beispiele:

  • Ich werde dir nie und nimmer verzeihen!
  • Ihr wurde angst und bange.
  • Es war einzig und allein sein Problem, das er zu lösen hatte.

Hendiadyoin

Dieses Stilmittel lässt durch die Verbindung zweier Wörter einen neuen Begriff entstehen. Ohne eines der Wörter funktioniert die Wortgruppe nicht mehr und verliert ihren Sinn. Das Hendiadyoin kann aber auch das Attribut eines Wortes ersetzen oder ein zusammengesetztes Substantiv aufbrechen.

Beispiele:

  • Er war Feuer und Flamme für die neue Kollegin.
  • Sag es ruhig frank und frei heraus, ich werde dir bestimmt nicht den Kopf abreißen.
  • Ist das jetzt klar? – Klipp und klar, Boss!

Und dann gibt es noch Sonderformen:

  • In Eisen und Rüstung ritten sie dem Feind entgegen.
  • Ihre Wangen und ihre Röte ließen mein Herz schneller schlagen.

Hendiatris: Aus drei Wörtern wird ein neuer Begriff gebildet. „Friede, Freude, Eierkuchen“ (oberflächlich ist alles gut) oder auch „Wein, Weib und Gesang“ (beschreibt einen Lebensstil) oder „jung, dumm und gefräßig“ (beschreibt junge Menschen, die ihre Freiheit grenzenlos ausleben)

Hendiatetris: Aus vier Wörtern wird ein komplexerer Begriff gebildet. Beispiele gibt es im Deutschen wenige, wobei „frisch, fromm, fröhlich, frei“ (unbefangen) als solches gelten kann.

Nun sagt es frank und frei, ob euch der Beitrag gefallen hat und ihr ihn hilfreich fandet.

Da ich weder Germanistin noch Lehrerin bin, kann dieser Beitrag Spuren von Ungenauigkeit enthalten.

Noch kurz zum Schluss:

Man muss nicht wissen, wie diese Stilmittel heißen. Zu wissen, dass es gewisse Dinge gibt, um einen Text eindringlicher zu gestalten, hilft oftmals schon weiter, um der Leserlangeweile vorzubeugen und bildhafte Beschreibungen einzufügen. Charaktere bekommen durch bestimmte Stilmittel mehr „Farbe“, zum Beispiel durch die wörtliche Rede, indem man sie entweder eloquent oder unsicher ihre Sätze von sich geben lässt. Dabei hilft es, sich ein wenig mit der Redekunst auszukennen. Aber es gilt wie überall sonst auch: die Dosis macht das Gift.

In diesem Sinne: Viel Freude bei der Wortvermehrung 😊

Rhetorische Stilmittel 2

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Weniger ist manchmal mehr – aber wie geht das, ohne den Sinn zu zerstören?

In diesem Beitrag geht es um Verknappung und Worteinsparungen. Gerade sie verwenden wir sehr häufig, oft auch unbewusst, um den Lesefluss zu erleichtern. Bei der Verknappung werden Wörter ausgelassen oder verschoben, um die Bedeutung des Geschriebenen bzw. Gesagten zu erhöhen, Pointen zu erzeugen oder etwas ungesagt zu lassen, um den Leser/Zuhörer später zu überraschen. Auf jeden Fall sorgen sie für Abwechslung.

Ellipse

Sie kann die Grammatik aushebeln und trotz der Auslassungen kann der Satz dennoch richtig sein, sofern er verständlich bleibt. Wird der Satz unverständlich, ist es falsch. Aber es kann auch offen bleiben, besonders häufig bei Krimis, dann bleibt der Satz generell unvollständig, damit die Leser auf eine falsche Fährte gelockt werden.

Es handelt sich um eine Verknappung, die das Wesentliche in den Vordergrund rückt.

Viele Ellipsen erhöhen das Tempo des Textes bzw. der Rede. Im journalistischen Bereich wird dieser Telegrammstil häufig verwendet. In der wörtlichen Rede lassen sich Ellipsen gut einbauen, um so einen gewissen sozialen Hintergrund zu verdeutlichen. „Rein!“ Mit der entsprechenden Geste, die Hand zeigt aufs Haus, ins Zimmer, etc., weiß jeder, dass der so Angesprochene etwas betreten soll.

Beispiele:

  • „Ende gut, alles gut.“
  • „Hier werden Sie geholfen.“
  • „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
  • „Was nun?“
  • „Wir sind Papst“

Zeugma

Dieses rhetorische Stilmittel verwende ich recht häufig, um Wortwiederholungen zu vermeiden. Es ist eine Beziehung eines Satzteils, u.a. des Verbs (Prädikats), auf zwei oder mehrere Satzglieder, während es semantisch nur zu einem passt. Gezielt und pointiert eingesetzt, kann man damit die Leser überraschen.

Beispiele:

  • „Er hob den Blick und die Hand zur Tür …“
  • „Gestern liefen sie aus dem Haus und durch die Straßen.“
  • „Ihr vorrangiges Ziel war, den ersten Testlauf zu bestehen und die Blicke der neugierigen Zuschauer.“
  • „Die Fragen der Journalisten waren lausig, auch das Dinner.“
  • „Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.“ (FRIEDRICH SCHILLER: Wilhelm Tell)“
  • „Catilina sparte schließlich weder an Kosten noch an Mäßigung“ (SALLUST)“

Aposiopese

Bei dieser Sonderform der Ellipse wird die wesentliche Aussage eines Satz verschwiegen und muss durch den Empfänger erraten werden. Hier kann viel Dramatik erzeugt werden oder auch Pathos.

Beispiele:

  • „Wenn ich dich in die Finger bekomme …“
  • „Der kann mich mal …“
  • „Hast du wirklich -? Nein, hast du nicht -? Oder doch -?“
  • „Willst du auch -?“
  • „Wenn es mir nicht gelingt, den Grafen augenblicklich zu entfernen: so denk’ ich – Doch, doch, ich glaube, er geht in diese Falle gewiss.“ (GOTTHOLD EPHRAIM LESSING: Emilia Galotti)

Anakoluth

Diese Sonderform bricht völlig mit der Grammatik, indem der Satz richtig anfängt, dann aber abgebrochen und anders fortgeführt wird. Ein Anakoluth ist kennzeichnend für den mündlichen Stil der Alltagssprache. In der wörtlichen Rede verleiht er dem Protagonisten/der Protagonistin eine gewisse Zerstreutheit, Aufgeregtheit, Nervosität. Es sagt vielleicht sogar etwas über den sozialen Status der Person aus.

Es gibt 3 Formen:

  • Ausstieg: Abbruch des Gedankens
  • Retraktion: Umbau eines Satzes
  • Umstieg: Wechseln der syntakischen Konstruktion

Beispiele:

Ausstieg:

  • „Also, ich weiß nicht …“
  • „Hast du gewusst, dass …“
  • „Trau dich noch einmal …“

Retraktion:

  • „Gestern war es kalt … nicht ganz so.“
  • „Vor ein paar Stunden kam es zu einer Explosion … einem kleineren Unfall im Reaktor sieben.“
  • „Das ist ein Date … ich meine, Kaffee trinken oder …“

Umstieg

  • „Wir hatten gestern ein Date, abgesehen davon war das Fußballmatch sensationell. “
  • „Rosemary hat mir das mit der Dosimetrie erklärt … Ich habe eine Dose Cola getrunken.“
  • „Korf erfindet eine Mittagszeitung, / welche, wenn man sie gelesen hat, / ist man satt.“ (CHRISTIAN MORGENSTERN)

Apokoinu

Diese Stilfigur dient der Worteinsparung und Verknappung sowie der künstlerischen Kürze. Ein Wort oder Satzglied bezieht sich auf zwei andere Teile. Häufig steht das einzelne Wort hier in der Mitte einer Äußerung und bezieht sich sowohl auf das Vorhergehende als auch das Folgende.

Beispiele:

wintersturmgerausche
auf das heulen lausche
jagen flocken um die
häuser
wirbeln sie
(aus dem Gedicht „schneezeit“ von mir)

jagen flocken um die häuser. um die häuser wirbeln sie.

Was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute, was da kreucht und fleucht. (FRIEDRICH SCHILLER, Wilhelm Tell)

Was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute. Das ist seine Beute, was da kreucht und fleucht.

An diesen Beispielen sieht man deutlich, wie sehr in der Dichtkunst verknappt werden kann und der Text trotzdem verständlich bleibt.

Ich hoffe, der Spaß an den Stilmitteln bleibt noch eine Weile erhalten, denn es gibt noch sehr viel mehr.

Die Beispiele sind entweder Redewendungen oder von mir selbst erdacht, andere sind mit dem Urheber versehen.

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