Textschnippsel

Die Chroniken von Eumeria

Auszüge aus dem noch nicht erschienen Manuskript des 3. Teils.

Ich bin unsere Strafe, eine Warnung an all die Wissenschaftler, die denken, mit den Genen der Menschen herum spielen zu können.

(Jack R. MacGregor im 3. Teil der Chroniken von Eumeria)

Die folgende Stille wirkte erdrückend und er verfluchte sich, weil er geschrien hatte. Er dachte an die vielen Menschen, die er in ähnliche Situationen gebracht und wenig Rücksicht auf ihre Bedürfnisse genommen hatte. Trotzdem hatte er sie nie überlange in solchen Kammern gelassen und die Schmerzen, die er ihnen zugefügt hatte, so gering wie möglich gehalten. Wenn er müde war, dann spürte er die Pein, die die Gefolterten aushalten mussten, das war einer der Gründe gewesen, warum er die Tortur abgeschafft hatte. Nun war es mit dieser Neuerung vorbei. Knapp siebzig Jahre war das Land frei von Folter gewesen.

Er merkte, wie ihn Panik überkam. Seine Klaustrophobie hatte er in all den Jahren nicht überwinden können, und er war wieder der Jugendliche, der in eine sargähnliche Truhe gesperrt worden war, weil er nicht gehorcht hatte. Mit Atemübungen versuchte er, sich von dieser Angst zu befreien, doch sie brachten nur kurzfristig einen Erfolg. Er sah sich bewegungsunfähig gemacht in der Kiste liegen und weinen. Auch jetzt kamen ihm die Tränen und er merkte es nicht. Sein Atem ging nur noch stoßweise, er hatte das Gefühl zu ersticken.Endlich, als er schon dachte, es nicht mehr aushalten zu können, öffnete sich die Luke.

„Ich würde gerne deine Geschichte erfahren. Was ich weiß, ist das, was Urgroßvater über dich erzählt hat und meine Großmutter, die einmal für ein paar Wochen auf deinem Landgut war, mit den anderen Kindern. Einiges hat mir auch ein Bauer aus dem Dorf berichtet. Jetzt möchte ich deine Sicht erfahren.“

„Gut, aber wenn es dich langweilt, dann sag es mir. Ich bin ein alter Mann und werde unter Umständen weitschweifig.“ Jetzt musste sie gegen ihren Willen lächeln, denn es kam immer eigenartig, wenn er von sich als alten Mann sprach und man ihn dabei sah.

„Wie du sicher weißt, habe ich der Zwillingsschwester deines Urgroßvaters zuliebe ihre Familie und Freunde gerettet oder zumindest dabei geholfen. Ich habe sie so sehr geliebt, dass ich mein ganzes Leben änderte, aber sie wollte mich nicht. Warum sie trotzdem bei mir blieb, weiß ich nicht genau, aus einem Pflichtgefühl heraus nehme ich an. Sie hätte jederzeit zu ihrer Familie gehen können, ich habe sie niemals zum Bleiben gezwungen. Als ich sah, wie sehr sie ihre Verwandten vermisste, habe ich sie eingeladen, den Sommer über auf meinem kleinen Gut zu verbringen. Nach längerem Hin und Her sagten sie dann schließlich zu. Brigitt freute sich sehr darauf, alle wiederzusehen und wir ließen das Haus auf Vordermann bringen. Ich besorgte sogar Spielsachen für die Kinder, Schaukeln und so etwas für den Garten. Ja, auch ich freute mich darauf, diese Leute kennen zu lernen. Dann kamen sie.“ Er machte eine lange Pause. Zoe schwieg erwartungsvoll, sie war eine gute Zuhörerin und wusste, dass es keinerlei Fragen bedurfte, er würde in seinem eigenen Tempo erzählen. „Für Brigitt war es das Schönste was passieren konnte. Sie war so gelöst und fröhlich, wie seit langem nicht mehr. Wenn du wüsstest, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, sie so zu sehen, Zoe. Ich gab ehrlich mein bestes, mich mit Ivo und Sven zu vertragen. Beide hatten seit jeher eine Abneigung gegen mich, besonders Sven, was aufgrund meiner damals gegebenen Befehle auch wenig verwunderlich ist und unsere erste Begegnung war auch nicht gerade glücklich verlaufen. Bei Ivo verhielt es sich ähnlich. Dennoch hielt ich mich zurück und nahm mir für diese Zeit sogar frei, was Brigitt auch zu freuen schien. Ich verschob alle Termine und erledigte was ging bereits im Vorfeld. Was mich aber am meisten erstaunte, das waren die Kinder. Sie wirkten nicht wie der eumerische Nachwuchs. Sie waren neugierig und ließen sich von mir das Land zeigen. Wir machten oftmals kleine Wanderungen am Fluss entlang, dazu lud ich auch die Kinder aus dem Dorf ein. Hat dir der Lindenbaum davon erzählt? Ihn haben die Geschichten seiner Großmutter seit jeher beeindruckt. Als er noch ein kleiner Junge war, habe ich mal mit ihm und den anderen Dorfkindern Fußball gespielt.“ Er machte eine Pause, strich sich durchs Haar und versenkte sich weiter in die Vergangenheit. „Ja, wir hatten viel Spaß bei unseren Märschen. Ich lernte von den Nielsson-Kindern das Lachen. Wurde deine Großmutter auch Aggie genannt?“ Er schaute sie neugierig an und als sie nickte fuhr er mit seinem Bericht fort. „Ich denke, sie war ein nettes Kind und sah aus wie eine kleine Prinzessin. Tagsüber fand ich es schön, da war ich unterwegs und sah die anderen Erwachsenen nur selten, doch abends dann – es ist schon ein Problem, wenn man Leute sieht, die ihren Gefühlen Ausdruck verleihen dürfen und deren Liebe erwidert wird. Es waren sehr viele Menschen im Haus, nicht nur Ivo, Sven und die Kinder. Da waren noch Kazumi, Ivos Gefährtin, Celia, die sich schon immer prächtig mit Sven verstanden hatte und ein Kollege von Ivo war auch mitgekommen. Warum der mit war, das ahnte ich nicht und ich will es auch heute noch nicht so genau wissen. Dazu kamen noch die vier Kinder: Aggi, Tsubasa, Ingrid und Florian.“ Abermals hielt er inne und starrte in die Vergangenheit. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen, als er an die Kinder dachte, doch dann wurde sein Gesicht hart und der freudige Glanz in seinen Augen wich Bitterkeit. „Brigitt kümmerte sich um Ivos Freund, Severin Rubinstein, und zwar mehr als mir lieb war, aber mein Schwur band mich und ich hielt den Mund. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich begann, sie zu beobachten. Dieser Kerl durfte ihre Hand halten, durfte sich bei ihr einhaken, sie küssen – ich gönnte ihr einerseits diesen Menschen, der ihr ihre Unbeschwertheit wiedergab, andererseits fraß es mich auf, du kannst dir denken weshalb.“ Er blinzelte, schluckte und strich sich durchs Haar, bevor er weiterredete: „Ja, ich habe sie richtiggehend belauert und übersah dabei, dass ich das wenige Glück zerstörte, das ich für uns erreichen konnte. Danach war es nie wieder so wie vorher. Die Familie blieb den ganzen Sommer über, dabei kamen sich Brigitt und Severin sehr nahe. Ich weiß, dass sie sich vorher schon gekannt hatten. Am liebsten hätte ich ihn des Hauses verwiesen, dennoch schwieg ich, weil mir der Schmerz zeigte, dass ich doch nicht der gefühlskalte Mensch war, als den ich mich selbst sah. Jede Nacht, wenn alle schliefen, schlich ich in ihr Zimmer und betrachtete sie. Bevor ich ging, strich ich ihr durchs Haar. Nun ja, lassen wir das. Eines Abends hielt ich diese Reserviertheit mir gegenüber nicht mehr aus. Die Kinder schliefen bereits und wir saßen im großen Salon und unterhielten uns, das heißt, die anderen redeten, ich schwieg. Ich stand mit dem Rücken zu ihnen gewandt, an einer der Fenstertüren und wartete auf irgendetwas, das nicht kam. Nein, ich wartete nicht auf irgendwas, ich wartete auf Brigitt, so wie jeden Tag. Wenn sie doch nur nie bei mir geblieben wäre.“ Er seufzte tief auf. Die Erinnerung an damals war noch immer schmerzlich und er sah die Bilder ganz deutlich, so als wäre es eben erst geschehen. Eine Weile später fuhr er teilnahmslos fort: „Für mich wurden diese Ferien immer anstrengender und ich beschloss, für den Rest des Urlaubs, die Nächte im Keller zu verbringen. Du weißt, dass dort das Zimmer mit dem Dämpfungsfeld ist, Irina Williams hat es in ihrer Zeugenaussage bestätigt, nur ist es kein Gefängnis, es spiegelt die Gefühle und Gedanken der Personen wider, die sich dort aufhalten und man kann nichts empfangen und auch nichts senden. Man macht sich quasi unsichtbar. Ja, dort schlief ich fortan mehr oder weniger, damit ich Brigitt und die anderen nicht fühlen musste und die Tage verbrachte ich vorwiegend mit Sport. Brigitt schien sich nicht viel daraus zu machen, ob ich da war oder nicht. Also fuhr ich eines Morgens in die Stadt und kam erst am nächsten Tag zurück. Den Kindern hatte ich gefehlt, die Tollerei am Fluss hatten sie vermisst. Um ihnen meine eigene Verletzlichkeit nicht zu zeigen, gab ich mich noch unnahbarer, mied schließlich auch den Umgang mit den Kleinen und wurde abermals zum knallharten, gefühlskalten Leiter des Inlandschutzes. Nur nicht nachts in meinem Kellerabteil – da ertrank ich in meiner selbst gewählten Einsamkeit. Am Ende des Sommers, es waren nur noch wenige Ferientage, da kam Brigitt plötzlich sehr ernst zu mir. Sie schien sich über irgendetwas Sorgen zu machen, hielt sich aber noch verschlossener als sonst. Als sie es mir dann sagte, war es wie ein Schlag ins Gesicht. Sie erwartete ein Kind! Ich konnte sie nur stumm anblicken, dann ging ich hinaus und lief den ganzen Tag in der Gegend herum. Oh, ich freute mich für sie, denn das war etwas, das sie sich immer gewünscht hatte und das hätte ich ihr beim besten Willen nie geben können, denn meine Keimzellen sind unfruchtbar. Sie erwartete ein natürliches Kind von einem Kerl, den ich nicht gut kannte und nicht mochte und mich ließ sie nicht einmal ihre Hand halten.“ Er schluckte abermals heftig, um die starken Gefühle zu verarbeiten, die nach wie vor in ihm waren. Gespannt wartete Zoe darauf, was er noch erzählen würde.„Am nächsten Morgen bat ich sie zu mir und bot ihr an, ihre Nachkommen, als meine eigenen anzunehmen. Sie lehnte ab und meinte, dass sie sicherer in Ulan Bator aufgehoben wären, bei Ivo und Kazumi und natürlich bei ihrem Erzeuger, der in Ulan Bator irgendeine Karriere als Politfunktionär anstrebte, die Rubinsteins waren immer schon politisch aktiv und seit der Annexion Sibirs wollten sie auch dort einen Fuß in der Tür haben. Ich musste es akzeptieren oder ich hätte ihre Achtung gänzlich verloren, nachdem ich vorher schon einmal meinen Schwur gebrochen hatte, sie nie zu berühren. Am Abend kurz vor dem Dinner, stellte ich Severin zur Rede und zwang ihn, mir seinen Geist zu öffnen. Ich wollte wissen, ob er Brigitt wirklich liebte, denn andernfalls hätte ich ihn auf der Stelle getötet.“ Ein wehmütiges Lächeln erschien in seinem Gesicht und ließ die folgenden Worte noch trauriger erscheinen: „Ich wollte ihm nicht wirklich wehtun, aber ich war so zornig und verletzt- Er lachte nur und fragte, was ich denn eigentlich von Brigitt wolle, ich hätte doch keine Gefühle, da ließ ich alles auf ihn los. Mit keiner Faser berührte ich ihn, ich sah ihn nicht einmal an, aber ich streckte ihn mit der Gewalt meiner Gedanken nieder, danach verließ ich das Haus. Ivo und Sven fanden ihn schließlich und halfen ihm. Nun, das hatte die übliche Diskussion zur Folge. Genug davon – ich forderte am nächsten Tag alle auf, abzureisen. Brigitt war außer sich und wollte mich nicht mehr sehen. Sie fuhr mit und nichts konnte sie dazu bewegen, zu bleiben. Ich kam nie wieder für länger als ein paar Stunden in das Haus. Wie du weißt, kam Brigitt später doch zu mir zurück. Ich fragte nicht, was vorgefallen war, freute mich nur, dass sie wieder da war. Unser Verhältnis zueinander hatte sich nicht geändert, sie war distanziert, aber sie verbrachte oft die Abende mit mir. Wir lasen zusammen oder hörten Musik. Manchmal besprachen wir auch, welche Reformen notwendig waren und wie wir das alles bewerkstelligen konnten. Wir hatten eine rein berufliche Beziehung. Du siehst – ich stoße alle weg. Ob ich es will oder nicht, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo Zuneigung in Abneigung kippt und ich über mich selbst stolpere. Dazu kommt ja noch meine Mutation, Zoe, auch das war zunehmend belastend für Brigitt und ich fürchte auch dir wird es nicht anders ergehen. Sie wurde alt und starb und ich blieb zurück, noch immer der Jack MacGregor, den sie kennenlernte als sie zwanzig Jahre alt war. Nein, nur äußerlich war ich der gleiche, doch das andere interessiert niemanden.“ Er atmete sein Selbstmitleid weg und sagte dann abschließend: „Jetzt hast du auch meine Sicht der Dinge gehört. Geh jetzt schlafen. Ich fürchte, mir werden nur noch wenige Stunden bis Tage bleiben, bis sie das Urteil verkünden. …“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s