Sprachwandel und Gedanken zum Gendern

Der erste Beitrag im neuen Jahr und gleich so ein Thema. Ich wünsche euch trotzdem ein gutes neues Jahr.

Dieser Beitrag spiegelt meine Meinung wider. Weiterführende Links und solche, die ich zur Recherche genutzt habe, findet ihr an den jeweiligen Stellen bzw. am Ende des Beitrags.

Ich weiß, dass dieses Thema kontrovers ist und schon zahlreiche unschöne Diskussionen ausgelöst hat. Deshalb bitte ich euch, sollte es dazu kommen, um einen sachlichen Tonfall. Alles Beleidigende werde ich löschen. Zur Sprachentwicklung gehört, meiner Meinung nach, auch eine gepflegte Diskussionskultur, die sich leider in eine Richtung entwickelt, die ich problematisch sehe.

Nun aber zum eigentlichen Thema, das ich stark an das Schreiben von Romanen orientieren werde, schließlich bin ich Schriftsteller oder doch Schriftstellerin.

Die Sprache unterliegt einem Wandel, die Bedeutung verschiedener Wörter verändert sich, ebenso die Grammatik. Nur ein Beispiel: Was im 18. Jahrhundert merkwürdig war, war nicht sonderbar, komisch oder eigenartig, sondern des Merkens würdig, es war demnach wichtig. Noch weiter zurück mit einer ähnlichen Bedeutungsänderung aus dem Mittelhochdeutschen: Die Jungfrau hatte damals nichts mit einer unberührten (ich mag das Wort nicht, aber mir fällt kein passenderes ein) Frau zu tun, sondern betitelte eine ehrbare, erwachsene Frau. Reich hatte nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern auch mit reich an Wissen, Tugend (ja, das war damals etwas mehr als heute, man denke an die ritterlichen Tugenden), Weisheit usw.

Aber auch die Konnotation bestimmter Wörter oder Wortgruppen hat ihre Bedeutung verändert. Wenn man heute vom deutschen Volk spricht, hat das einen negativen Beigeschmack.

Und wir verbannen rassistische Beleidigungen aus unserem Wortschatz (wobei, nein, ein Schatz sind Beleidigungen nicht), was absolut richtig ist.

Diese Veränderungen sind langsam vonstattengegangen und haben sich zumeist innerhalb der Gesellschaft entwickelt und wurden nicht von einer, wie auch immer gearteten, Elite aufgestülpt. Sprachwandel vollzieht sich meist durch eine Vereinfachung. Wir sehen das in den letzten Änderungen der deutschen Rechtschreibung und auch der Grammatik. Ein Wörterbuch aus dem Jahr 1990 sieht anders aus als eines aus dem Jahr 2020. Je weiter wir nach hinten gehen, desto mehr Änderungen oder auch neue/andere/unbekannte Wörter werden einem auffallen.

In der Literatur fällt es ebenso auf – nicht nur die geänderte Rechtschreibung, auch die Inhalte und die Bedeutung der Wörter. Hier sollte man darauf Rücksicht nehmen, in welcher Zeit etwas geschrieben worden ist und den Inhalt der damaligen Mode zuschreiben. Wichtig finde ich aber bei historischen Romanen, die heute geschrieben werden, auf den Geiste der jeweiligen Zeit einzugehen und das zumindest in den Dialogen auszudrücken, ohne Angst vor einem mahnenden Zeigefinger. Ein historischer Roman sollte den Zeitgeister der jeweiligen Epoche widerspiegeln, selbst dann, wenn er ihn hinterfragt. Ebenso halte ich es für angebracht, einen Roman, der in unserer Epoche spielt, so zu schreiben, dass er hinein passt.

In manchen modernen Romanen wird zum Teil gegendert. Ich mag es nicht besonders, aber wer es macht, sollte es dann auch konsequent durchziehen, sonst wirkt es zufällig, gerade, was die Genderzeichen betrifft. In belletristischen Werken finde ich sie irritierend, man kann es anders lösen. Wie, das erkläre ich im Folgenden.

Was genau ist jetzt „Gendern“?

Quelle Pixabay

Gendern steht im deutschen Sprachgebrauch für eine geschlechterneutrale Ausdrucksweise, sowohl gesprochen als auch geschrieben. Formen ohne Geschlechterbedeutung werden dabei empfohlen.

In den 1970er Jahren haben sich 2 Vorgehensweisen zur Sichtbarmachung der Geschlechter unterteilt.

1. Bezeichnungen, die mit dem Sexus übereinstimmen.

a) vollständige Nennung der Geschlechter

z. B. Schüler und Schülerin, verkürzt Schüler/Schülerin oder das binnen I SchülerIn

b) mehrgeschlechtliche Schreibweisen mit Genderzeichen seit 2003
z. B. Gender Gap – Schüler_innen, Gendersternchen Schüler*innen, Doppelpunkt Schüler:innen

2. Neutralisierungen

a) geschlechtsneutrale Benennung durch substantivierte Adjektive oder Partizipien z. B. Studierende, Lernende

b) geschlechterneutrale Umformulierung mithilfe eines Adjektivs z. B. schulischer Abschluss, fachlicher Hinweis, ärztlicher Rat, lehrend tätig sein

c) durch Bildung von Relativsätzen
Da das Relativpronomen wer genderneutral ist, eignen sich Relativsätze auf wer gut zur geschlechtergerechten Formulierung. Z. B. Wer einen Antrag stellt, hat …; Alle, die unterrichten, …

d) direkte Anrede. z. B. Hier Ihre Unterschrift, Klicken Sie hier

e) Generische Substantive: Mensch, Publikum, Belegschaft, Meute, Person, Personal, Mitglied, Kollegium

f) Passivierung z. B. folgende Unterlagen sind beizufügen.

Achtung bei Genera von Personenbezeichnungen unbestimmten Geschlechts, die müssen und können nicht gegendert werden: z. B. der Gast, das Mitglied, die Person, der Mensch, der Laie … siehe Punkt e)

In der Belletristik ist es nicht sehr sinnvoll, zu gendern, ganz gleich in welcher Art und Weise. Sätze mit zu vielen Adjektiven, substantivierten Adjektiven oder die Verwendung von Passivsätzen werden lang und vor allem fad. Allerdings, kann man es in der wörtlichen Rede einbauen, wo es Sinn ergibt und es vor allem zu der sprechenden Person passt.

Beispiel: Alle standen beisammen und wollten sich auf den Heimweg machen. Eben hatte sich die Gastgeberin noch von den zu bewirtenden Menschen verabschiedet, die Tür geschlossen und das Licht gelöscht. Jetzt war die Straße in Dunkelheit getaucht. Das flackernde Licht der Straßenlaterne brannte Lichtflecke auf den schwarzen Asphalt. Die Nachtschwärmer begannen, sich umzuschauen. Da und dort schienen Schatten zu sein, die dort nicht hingehörten. Wo waren sie nur hineingeraten? Ängstlich und mit wild klopfenden Herzen schauten sie immer wieder zurück. Irgendwo musste ein Ausweg sein! Doch da war nichts … Ich höre jetzt auf, mir krampfhaft irgendwelche langweiligen Sätze aus der Nase zu ziehen. Jeder, für den ich schon einmal testgelesen habe, wird wissen, wie sauer mir Passivkonstruktionen aufstoßen, wenn sie zu häufig sind. Sie entfernen sich von der handelnden Person und der aktiven Szene.

Beispiel: Die Studierenden haben alle im Sommer Ferien. Hier entsteht das Problem durch das Wort Studierende, denn wenn sie Ferien haben, sind sie keine Studierenden, denn sie studieren nicht, sondern haben Urlaub oder arbeiten. Die Verwendung von substantivierten Adjektiven (in diesem Fall studierend) ergibt ein Sinnproblem. Es lässt sich fortführen mit Lehrende, Fahrende usw. Lasst die Leute Studenten sein, Lehrer oder Fahrer.

Eine Unklarheit herrscht auch bei Anglizismen und anderen Fremdwörtern, wie z. B. Follower, User.

In Geschäftsbriefen hat sich eine genderneutrale Schreibweise mehr oder weniger eingelebt, hier spreche ich aus eigener Erfahrung. Es stört auch nicht weiter.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache#Substantivierte_Partizipien_oder_Adjektive

https://de.wikipedia.org/wiki/Gendern

https://www.gleichstellung.uni-wuppertal.de/de/beratung-service/geschlechtergerechte-sprache.html

https://genderdings.de/gender/gendern/

Quelle Pixabay

Meine wichtigsten Pros:

  • Eine neutrale Ausdrucksweise, die alle Menschen anspricht
  • Sichtbarmachung aller Geschlechter
  • Sprache bildet die Wirklichkeit ab
  • Es gibt gute gendergerechte Formulierungen, was auch Wortwiederholungen verhindert
  • Sprache verändert sich

Meine wichtigsten Contras:

  • Gefühlt von „oben“ aufgedrückt
  • Manches passt einfach nicht, ist umständlich und zusätzlich verkompliziert es den Text, wenn besitzanzeigende Fürwörter und Artikel noch mitgegendert werden
  • Schwer in der Alltagssprache, die sich immer verkürzt, umzusetzen
  • Gleichberechtigung hat nichts mit Sprache zu tun
  • Gendern macht es für mich unmöglich, mich nicht auf das Geschlecht der jeweiligen Person zu konzentrieren
  • Sehr selten, eigentlich nie, werden negativ konnotierte Wörter gegendert
  • keine einheitliche Schreibweise

Andere Pros und Contras findet ihr noch hier:

https://www.geo.de/magazine/geo-magazin/pro–und-contra-liste-was-spricht-fuer-und-gegen-das-gendern–30675936.html

https://www.lpb-bw.de/gendern#c76345

Wie ich eingangs erwähnt habe, verändert sich die Sprache. Das lässt sich nicht verhindern und ist auch gut so. In meiner Jugend habe ich anders gesprochen als die heutige Jugend spricht. Das ist interessant zu beobachten. Aber diese Entwicklungen, besonders auch hin zu Anglizismen, geht von einem Großteil der Bevölkerung aus und wird nicht, wie es viele fühlen, von „oben“ aufgedrückt.

Ich weiß nicht, ob ich für oder gegen Gendern bin. Mir ist es im Grunde genommen egal, ob mich jemand als Schriftsteller oder Schriftstellerin betitelt, beides sagt aus, was ich mache, wobei mich das zweite wieder auf mein Geschlecht reduziert. Sollte es der lesenden Bevölkerung (ist gegendert und liest sich nicht schön) nicht egal sein, ob ein Mann oder eine Frau etwas geschrieben hat? Der Beruf an sich ist neutral und so sehe ich es auch. Aber da Menschen nun einmal unterschiedlich sind, kann ich nicht erwarten, dass jeder meine Meinung teilt.

Was ich allerdings wichtig finde, dass man Gendern losgelöst vom Feminismus betrachtet. Meiner Meinung nach hat Gendern nichts mit Gleichberechtigung zu tun, das ist ein anderes Thema, das ich hier nicht beleuchten möchte. Beim Gendern geht es um geschlechtsneutrale Bezeichnungen. Allerdings sollte hier erst eine Einigung in der Schreibweise erzielt werden, die das alles etwas vereinfacht. Aktuell ist es eine hochkomplizierte Sache, bei der sich nicht einmal Sprachwissenschaftler einig sind.

Es gibt auch noch keine ausreichenden Studien über die Sinnhaftigkeit des Genderns und ob es eine Änderung in den Köpfen der Menschen bewirkt.

Deshalb halte ich mich an die Empfehlung des Rates für deutsche Rechtschreibung:

Das Amtliche Regelwerk gilt für Schulen sowie für Verwaltung und Rechtspflege. Der Rat hat vor diesem Hintergrund die Aufnahme von Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen.

Rat für deutsche rechtschreibung

Die geschriebene deutsche Sprache ist nicht nur von Schülerinnen und Schülern zu lernen, die noch schriftsprachliche Kompetenzen erwerben und deren Leistungen nach international vergleichenden Studien immer wieder Gegenstand öffentlicher und vor allem bildungspolitischer Diskussionen sind. Rücksicht zu nehmen ist auch auf die mehr als 12 Prozent aller Erwachsenen mit geringer Literalität, die nicht in der Lage sind, auch nur einfache Texte zu lesen und zu schreiben. Auch Menschen, die innerhalb oder außerhalb des deutschsprachigen Raums Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache erlernen, sollte der Sprach- und Schrifterwerb nicht erschwert werden.

Rat für deutsche Rechtschreibung

Hier noch der Link zu der interessanten Seite. Ich empfehle sie allen Leuten, die bis hierher gelesen haben, dort findet ihr auch das PDF mit dem gesamten Pressetext des Rates für deutsche Rechtschreibung.

https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/

Meine Empfehlung für die Allgemeinheit und für mich: Alles etwas locker nehmen und vor allem, das generische Maskulinum ist kein Feind und Movierungen mit dem Suffix -in sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Hütet euch vor Sprechverboten und denkt nach, bevor ihr in vorauseilendem Gehorsam gendert, wie sinnvoll es am Ende ist und vor allem, was ihr sagen wollt.

Dieser Beitrag ist leider schon viel zu lang geworden. Zur Entspannung noch ein gutes Video von Alicia Joe, das noch ein paar mehr Informationen zum Thema bietet als mein Text.

Alicia Joe

4 Kommentare zu „Sprachwandel und Gedanken zum Gendern

  1. Wow… ich gestehe ich habe beim Lesen ein paar Sprünge gemacht, aber ich bewundere die Klarheit mit der dieser Text mir fast wie eine Betonmauer ehrfurchtsvoll vor Augen führt, wie jemand seine Meinung mit Sachlichkeit zementiert die sich fast unantastbar anfühlt. Ich muss gestehen, ich habe beim Lesen auch etwas Angst empfunden, da hinter den Worten eine starke Autorität steckt die ich als nahezu unangreifbar empfinde. Ich bin ein Tagräumer und kein guter Schriftsteller, ich bin ein Dilettant in dieser Sprache die ich absolut lästig und kalt empfinde. Mir reicht das Du und das Sie als genderneutral, die künstliche Sachlichkeit ist für mich persönlich, verzeihen Sie die Ausdrucksweise, intellektuelles „Kopfgeficke“, es tut nichts zur Sache ob jemand gendert oder nicht, Menschen werden immer merken, wenn sie nicht gleich behandelt werden, denn kein Mensch kann alle Menschen mögen, manchmal ist es Chemie, manchmal Neid, manchmal Unsicherheit, Gefühle lassen sich mit keiner Spritze der Welt sterilisieren und kein Maulkorb kann Menschen das Denken verbieten. Wenn man feinfühlig genug ist, erkennt man schon an der Körpersprache was jemand denkt. Dann ist Sprache nur noch Makulatur. Aber eines muss ich Ihnen lassen. Ich habe es sehr genossen, hier ein wenig zu staunen wie ein „echter“ Schriftsteller schreibt. Danke.

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    1. Ich habe versucht, das Thema rein sachlich zu behandeln, in Wirklichkeit bin ich keine so große Autorität. Wer sagt, dass Sie kein guter Schriftsteller sind? Was genau empfinden Sie an der Sprache kalt und lästig? Es gibt so viele schöne Wörter und Wortgruppen. Aber ich gebe Ihnen recht, Gendern macht eine Sprache nicht wärmer und die Menschen nicht gleicher. Danke für Ihre Meinung.

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