Auch in diesem Beitrag geht es darum, sein Werk zu boykottieren, sich selbst ein Bein zu stellen und damit sein hart erarbeitetes Manuskript zu zerstören. Damit meine ich nicht, es einfach von der Festplatte ohne Backup zu löschen, sondern um Handwerksfehler, die alles, was du bereits geschaffen hast, vernichten.
Weil es bei mir gerade aktuell ist, nehme ich mir dieses Mal ein sehr wichtiges Thema vor – die Überarbeitung. Normalerweise verbessert man damit sein Manuskript. Aaaaber mit ausreichend hyper-engagierter Faulheit kannst du sehr viel ruinieren. Einige der wichtigsten Punkte zähle ich im Folgenden auf.

Herzblut ist alles!
Denke immer daran, wieviel Zeit und Herzblut du in dein Manuskript gesteckt hast. Nur das zählt und vielleicht braucht dein Werk auch keine weitere Überarbeitung? Natürlich braucht es das nicht, denn du hast es bereits mit ganzer Seele und blutigen Fingern geschrieben. Mit dieser Einstellung bist du auf dem besten Weg, keinen Verkaufsschlager zu veröffentlichen. Schließlich hast du dein Werk mit so viel Herzblut geschrieben und es steckt so viel Gefühl und Persönlichkeit von dir drinnen, dass du selbst beim Lesen deiner herzerweichenden Szenen weinen musst und mit deinen perfekten Figuren mitfieberst.

Herzlichen Glückwunsch. Du hast den Holzweg gefunden.
Der Wortverliebte
Du kannst dich einfach nicht von deinen blumigen Beschreibungen oder endlosen Monologen trennen, selbst wenn sie den Plot aufhalten. Jedes deiner Worte ist mit Seele geschrieben, also darfst du es nicht loslassen, egal, wie sinnbefreit es im Text herumhängt oder wie oft du es auf einer Seite benutzt. Wörter haben Macht und du nutzt sie ungeniert aus. Deine Geschichte, deine Wörter und deshalb kannst du nichts daran ändern und jemand anders darf das auch nicht, also lässt du keine noch so gute und konstruktive Kritik zu.
Der Holzweg endet bei dir an der Betonwand.
Der wandelnde Duden
Anstatt Struktur, Charakterentwicklung und Spannungsbögen zu verbessern, polierst du nur Kommas und korrigierst Tipp-, Grammatik- und Rechtschreibfehler. Es genügt, dass der Text fehlerfrei ist, als würdest du ein Diktat abtippen. Alles andere ist unwichtig und ohnehin schon perfekt, schließlich hast du dein ganzes Herzblut in die Geschichte gesteckt und wenn du mehr daran ändern würdest, würdest du etwas zerstören, womöglich sogar neue Grammatik- oder Tippfehler einbauen. Das geht gar nicht.
Du siehst schon, es hängt wieder alles irgendwie zusammen und ein Punkt wird den anderen ergänzen.

Der Perfekte
Nicht zu verwechseln mit dem Perfektionisten, dahin komme ich später noch.
Du ignorierst Plotlöcher, unglaubwürdige Wendungen oder Figuren, die sich widersprüchlich verhalten, weil du davon ausgehst, dass alles perfekt ist. Deshalb interessiert dich auch nicht die Meinung von Testlesern oder gar Lektoren. Du weißt es besser, denn nur du kennst den Plot und die Figuren. Ein anderer kann gar nicht verstehen, was du in der Geschichte aussagen möchtest, und wird dich nur daran hindern, dein perfektes Buch zu veröffentlichen. Jedwede Kritik landet ungelesen in der Ablage „Unfug, unnötig und ungut“.
Der Faulpelz
Du willst zwar überarbeiten und siehst den Sinn dahinter, aber du willst auch nicht zu viel Zeit darin investieren. Also versuchst du, alles in einem einzigen Durchgang zu fixen und verlierst den Überblick, wodurch du möglicherweise neue Probleme schaffst, die dir aber nicht auffallen, weil du alles nur einmal liest.
Es gibt nur ein Kapitel
Du hast dir vorgenommen, kapitelweise zu überarbeiten und kommst nicht über das erste Kapitel hinaus. Natürlich nicht, schließlich ist es der Einstieg und der muss perfekt werden. Deshalb wirst du mit der Überarbeitung nie fertig, denn das erste Kapitel muss erst perfekt werden. Deshalb wirst du mit der Überarbeitung … ähm … irgendwie wiederholt sich das.
Bevor mit bei der Rotation schlecht wird, schauen wir lieber zum nächsten Punkt.

Bloß keine Klischees!
Du hast so eine große Angst vor Klischees oder schlechtem Stil, dass du an deinen Figuren herumschleifst und auch sonst am Plot und jedem Wort, dass am Ende alles glattpoliert ist und nichts Eigenes mehr übrigbleibt. Auf diese Weise bringst du einen sehr langweiligen, ereignislosen Roman zustande, für den du bestimmt keinen Applaus der Leserschaft erntest. Aber du hast viel Arbeit und Energie darin investiert und bedienst auf keinen Fall irgendein Klischee.
Der Planlose
Eine andere Möglichkeit, dir ein Bein zu stellen, ist das planlose Vorgehen. Es ist nicht so, dass du keinen Plan hast, du hast wirklich keinerlei Vorstellung davon, was du da eigentlich machst. Ohne Sinn und Verstand legst du los, schreibst um, was dir gerade in den Sinn kommt oder streichst, was dir in dem Augenblick nicht gefällt. Was es mit der Geschichte im Gesamten macht, spielt keine Rolle.
Aber irgendwie lebst und arbeitest du im Hier und Jetzt, ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Zukunft. Das muss dir erst einmal jemand nachmachen. Manche Leute geben viel Geld für ein Coaching aus, damit sie das lernen, du überarbeitest dein Manuskript und schaffst es zur Perfektion. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor dir.
Der Kaputt-Editierer
Schreibratgeber! Du brauchst sie alle, denn sonst kannst du nicht überarbeiten. Schon vor dem ersten Wort hast du dir Duzende davon gekauft und wie ein trockener Schwamm aufgesaugt. Du steckst voller Wissen und willst das nun auch anwenden! Natürlich, deshalb gibt es diese Ratgeber und die zahlreichen Tipps werden schon nicht ohne Grund dort aufgeführt sein.
Als braver Schüler, der du bist, versucht du, jedem Tipp zu folgen, egal, wie widersprüchlich sie sind. Damit verliert dein Roman unter Garantie jede Persönlichkeit und fertig wirst du auch nicht.
Der Spieler
Du kannst auch zocken. Pack die Würfel aus und lass sie entscheiden. Jede Änderung kannst du per Zufallsgenerator bestimmen. Kapitel rauswerfen? Würfeln. Protagonist stirbt? Münze werfen. Genre ändern? Magic 8-Ball fragen. Das fertige Manuskript liest sich dann auch sehr spannend und verwirrend, weil natürlich alles wie auf zufällig zusammengewürfelten Münze daherkommt, die auf einem Magic-8-Ball liegt.

Der Perfektionist
Oder du feilst so lange an jedem Satz, dass du nie fertig wirst und dein Roman für immer in der Überarbeitungsspirale rotiert. Damit kannst du auf Social Media punkten, weil du immer wieder über deine Überarbeitung erzählen kannst und wie viel du gemacht hast, wie perfekt du das machen musst und worauf du alles achtest, damit sich kein Fehler mehr einschleicht. Deine zukünftigen Leser werden allerdings von deinem Werk verschont bleiben, weil du nie fertig werde wirst.
Dem gegenüber steht …
Der Unperfekte oder Ängstliche
Völlig egal, ob es Sinn ergibt oder sich widerspricht, du setzt alles um. Testleser A findet den Bösewicht zu klischeehaft? Mach ihn zur Floristin. Testleser B findet die Floristin unglaubwürdig? Mach ihn wieder zum Bösewicht, aber mit einem geheimen Blumenhobby. Testleser C findet das Blumenhobby blöd, den Bösewicht aber gut? Mach ihn wieder zum hobbylosen Bösewicht, der Florist gelernt hat aber dann böse geworden ist. Das aber alles innerhalb eines Romans, sonst ergibt es keinen Sinn – ich meine … keine Ahnung.
Der Wortakrobat
Synonyme sind ein Hobby von dir und Wortwiederholungen empfindest du als persönliche Beleidigung. Deshalb eliminierst du so viel wie möglich davon. Deine Figur „läuft“ nicht mehr. Sie schreitet, trippelt, schwebt, tänzelt, flaniert, stolziert, hoppelt, defiliert, hastet, vagabundiert… und plötzlich ist dein Buch ein Thesaurus auf Speed.

Der Geschichtenerzähler
Während des Überarbeitens hast du eine weitere Idee, damit eine Nebenfigur besser zur Geltung kommt oder etwas Ähnliches. Deshalb musst du sofort ein neues Kapitel einfügen, egal, ob das darin Erzählte etwas mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Du kannst die Nebenfigur dann beim Mittagessen oder im Geografieunterricht in der Schule zeigen. Oder du magst es philosophisch, dann lass deine Figur über ein ganzes Kapitel einen inneren Monolog über den Lebenszyklus eines Pflastersteins halten. Diese Art der Überarbeitung ruiniert garantiert jedes Leseerlebnis, weil es die Immersion nachhaltig zerstört.
Der Genrewechsler
Dein düsteres Drama wird plötzlich eine romantische Komödie mit singenden und tanzenden rosa Eichhörnchen. Am besten machst du das mitten im Roman und verkaufst dir und anderen das als wundervollen Twist. Es ist egal, ob es passend ist und wie sehr du die Leser damit verwirrst. Am Ende kannst du dich damit rühmen, den besten und unvorhersehbarsten Twist aller Zeiten eingebaut zu haben. Yeah … nicht. Denk nicht mal daran, das Eichhörnchen bleibt rosa und steppt mit dem Bären. Wir mögen doch alle etwas Twist und Chaos.
Die folgenden Punkte sind mir noch nicht so häufig untergekommen, aber sie sind witzig, deshalb habe ich sie dazu genommen.
Der Vergessliche
Namen sind nur Schall und Rauch. Wer braucht schon durchweg die gleichen Namen, wenn eine Änderung so schnell vonstattengeht, außerdem klingt Olivia viel besser als Birgit und passt auch nach der Entwicklung viel besser zu ihr. Oder du hast einfach vergessen, wie der Charakter wirklich heißt und kontrollierst das nicht mehr. Damit hast du dir einen langweiligen Schritt erspart und kannst gleich an die Veröffentlichung gehen. Das gilt für alle Eigennamen, du kannst auch Städte einfach umbenennen, aber bitte mach das nicht so, dass es zur Handlung passt. Es muss aus dem Nichts auftauchen, dann ergibt es leider keinen Sinn und ist für das Chaos in deinem Manuskript der beste Weg.
Das Versuchskaninchen
Nachdem du die Geschichte fertig geschrieben hast und eigentlich alles ganz gut aussieht, kommt dir die Idee, dass du das viel besser machen könntest, indem du nur die Dialoge lässt. Wer braucht schon Beschreibungen oder Redebegleitsätze? Das wird alles überbewertet und du bist dir sicher, damit ein literarisches Kunstwerk zu erschaffen. Ich gratuliere dir, du Literat – es wird keiner verstehen.
Der Meta-Autor
Dir in den Sinn, dass du unbedingt noch eine zusätzliche Ebene einbauen musst, so ein bissl Deadpool hat noch keinem geschadet. Du lässt die Figuren ungeniert die vierte Wand durchbrechen und mit den Lesern sprechen, sie wissen, dass sie nur Buchfiguren sind und versuchen natürlich irgendwie witzig oder tiefgründig zu sein. Die Handlung wird dadurch langweilig und zäh, weil du sie ständig mit irgendwelchen Meta-Kommentaren unterbrichst.

Welche Fails kanntest du schon, welche sind dir schon passiert oder aufgefallen? Schreib es mir gern in die Kommentare.
Natürlich ist das hier wieder alles überspitzt dargestellt und die einzelnen Punkte sind schwer isoliert zu betrachten, weshalb ich mich für diese ein wenig humorvolle Aufarbeitung entschieden habe.
Ich wünsche dir auf jeden Fall ganz viel Spaß bei deiner Überarbeitung und irgendwann kommt dazu auch ein ernsthafter Beitrag, in dem ich über meine Fehler und mein Vorgehen spreche. Das würde in diesem Text den Rahmen sprengen.
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